Integrationspreis Albert Schmidt 2010

Preisverleihung an Nangina e.V.:

Der Integrationspreis Albert Schmidt wird für ein besonderes Engagement verliehen, das benachteiligte Menschen auf der ganzen Welt in ihre Gesellschaft reintegriert. Bisher wurden Initiativen gewürdigt, die sich um Behinderte, Sprachkompetenz für Migrantenkinder, Menschen in Garagos in Ägypten und sterbende Kinder, die im Palliativnetzwerk Essen betreut werden, verdient gemacht haben.

Datum:  29.8.2010 um 12.30 Uhr
Ort:        „Arche Noah Marienberge“
Albert-Schmidt-Weg 1, 57581 Katzwinkel – Elkhausen

Dr. Thilo Esser: Laudatio für Nangina e.V.:

Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Nangina e.V. und der Arche Noah,
lieber Herr Pastor Witzel, lieber Pfarrer Kürten, lieber Herr Rieth,
liebe Jugendliche, liebe Mädchen und Jungen,
liebe Festgäste:

Sie alle kennen den Spruch „Wenn jeder sich um sich selbst kümmert, ist für alle gesorgt“. An jedem Stammtisch wird so ein Satz für Gelächter sorgen. Auf zynische Weise kehrt er das um, was sich jeder Mensch wünscht, nämlich angenommen zu sein, Schutz und Hilfe zu erfahren, wenn er in Not kommt. So, wie es der „dumme Spruch“ sagt, funktioniert das Leben nicht. Zumindest nicht, wenn es ein Leben in Würde und Menschlichkeit sein soll.

Es gibt noch ein anderes Wort, das an Stammtischen für Heiterkeit sorgt: Die Rede vom „Gutmenschen“. Zu diesen Leuten werden gern Engagierte in der Kirche, in Hilfswerken und Initiativen gezählt. Ich sehe vor meinem inneren Auge schon die leicht mitleidig verzogenen Gesichter, die den „Gutmenschen“ für naiv, ein bisschen weltfremd halten, in jedem Falle aber für Leute, die nicht richtig verstanden haben, was eigentlich Sache ist. Aber Moment mal: „Gutmensch“ – kann das ein Vorwurf oder sogar ein Schimpfwort sein, wenn man als guter Mensch bezeichnet wird? Wer versucht, ein guter Mensch zu sein, der kann es doch eigentlich gar nicht absichtlich falsch machen. Und dafür ausgelacht oder sogar beschimpft zu werden, geht ja nun wirklich an der Sache vorbei.

Es ist schön, dass ich heute hier in Elkhausen im Haus „Arche Noah Marienberge“ dabei sein darf, wenn der „Integrationspreis Albert Schmidt“ an den Verein Nangina verliehen wird. Man wird sich zunächst fragen, warum dieser Preis so heißt, wie er heißt. Unter Integration wird heute meist nur die Integration ausländischer Zuwanderer in unsere Gesellschaft verstanden; vielleicht auch die Integration kranker Menschen in das Berufsleben oder Ähnliches. Pfarrer Albert Schmidt, der den Anstoß für den Bau dieses Hauses gegeben hat, verstand Integration als etwas viel Umfassenderes. Ihm ging es darum, im besten Wortsinne Menschen „hereinzuholen“, „nicht auszugrenzen“, „dabei haben zu wollen“. Mir ist sofort der Evangelienbericht in den Sinn gekommen, als einige Leute Kinder zu Jesus bringen wollen und seine Jünger sie zuerst abweisen sollen. Jesus sagt aber: „Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn Menschen wie ihnen gehört das Himmelreich“ (Mt 19.14). Man muss hier dazu denken, dass Kinder zur Zeit Jesu ein anderes Ansehen hatten als heute. Die Kindheit an sich galt nicht viel. Kinder hatten zu gehorchen, vor allem aber nichts zu sagen. Sie galten als die Geringen und Kleinen. Jesus stellt klar, dass auch die Kinder dazugehören. Und ihm sind die Kinder nur ein Beispiel dafür, dass alle Menschen dazu gehören und niemand seine Würde, sein Lebensrecht, seine Achtung abgesprochen werden kann. Menschenwürde ist unteilbar! Daran gibt es aus christlicher Sicht nichts zu rütteln. Im Klartext gesagt: Für Gott ist jeder Mensch – ohne Ausnahme – sein geliebtes Kind. Das gilt ganz gleich, ob Mädchen oder Junge, Mann oder Frau, schwarz oder weiß, krank oder gesund. Das gilt – auch das dürfen wir nicht vergessen – egal, welcher Religion der einzelne angehört; egal, ob jemand behindert oder nicht behindert ist, egal wie intelligent oder erfolgreich jemand ist.

Die Geschichte des Nangina e.V. liest sich wie ein Beispiel dafür, wie man diesen Auftrag Jesu konkret umsetzen kann. Bei den Gesprächen, die ich mit Pastor Witzel im Vorfeld geführt habe, nannte der diese Initiative mehrmals „älteste Firmgruppe aus Witten“. Aus dieser Firmgruppe ist seit 1988 ein stattlicher Verein geworden, der nicht mehr nur das Projekt im kenianischen Nangina begleitet und damit ein Krankenhaus, eine Sozialstation und einiges Andere unterstützt. Hinzu kamen Schulprogramme, Hilfsangebote für HIV-Betroffene und die Unterstützung der Pfarrpastoral – die immer auch Sozialpastoral ist. Und nicht nur in Kenia, auch in Äthiopien, Tansania, Namibia auch in Lateinamerika in Honduras und auch in Indien ist der Nangina e.V. aktiv.

Noch einmal zurück zum Begriff „Integration“. Der Nangina e.V. ist im allerengsten Sinne integrativ, weil er viele Menschen eint, zusammenschließt, Gemeinsamkeit schafft. Aktiv sind Menschen verschiedener Generationen. Es ist nicht nur bei den Firmanden von 1988 geblieben! Dass der Verein generationenverbindend – also in noch einem anderen Sinne integrativ! – ist, wird mir an diesem Beispiel besonders deutlich: der Mitgestaltung von Gottesdiensten durch Kinder und Jugendliche. Am Wochenende machen sie sich auf den Weg, fahren zu manchmal ganz schön weit entfernten Kirchengemeinden und präsentieren die Situation der Menschen in Afrika, Lateinamerika und Indien durch szenische Darstellung. Das beeindruckt mich.

Einmal auf den Punkt gebracht: Während andere abhängen, nur Spaß haben wollen und ganz viel an sich denken, denken Sie und denkt ihr an Andere! Das ist auch der eigentliche Grund, warum der Nangina e.V. heute den Integrationspreis „Albert Schmidt“ erhält. So ein Preis hat immer zwei Bedeutungen. Einmal natürlich die, die geehrten Personen auszuzeichnen, ihnen eine Freude zu machen und in dem, was sie tun, zu bestärken. Und andererseits macht ein Preis nach außen deutlich: Hier gibt es eine Initiative, die etwas besonderes ist und ein Vorbild darstellen kann.

Pastor Witzel hat mich auf ein Lied hingewiesen, das der frühere Präsident des Kindermissionswerks „Die Sternsinger“, Msgr. Winfried Pilz, komponiert und vertextet hat. In der letzten Strophe heißt es:

Kinder können es erreichen:
Dass sie selbst mit ihren Händen
Streit und Leid und Not beenden.
Sagt doch selbst: Ist das nicht krass!
Kinder schaffen das!

Was für euch Kinder hier gesagt wird, macht Mut. Das, was ihr leistet auch. Und nicht nur Kinder, auch die Jugendlichen und Erwachsenen im Nangina e.V. zeigen, dass sich Einsatz lohnt und wirklich dabei hilft, dass es für Menschen in Not und in schwierigen Situationen besser wird. Und schließlich kann man an Ihnen und euch sehen, dass Christsein nicht nur ein Gefühl und ein Eintrag im Personenstandsregister ist – sondern eine Lebenshaltung, eine bewusste Entscheidung, an Gott zu glauben und in der Nachfolge Jesu Christi das Gute zu tun.

Es ist besonders schön, dass der Preis heute am Patronatsfest des Hauses „Arche Noah Marienberge“ verliehen wird. In der Messfeier haben wir es gerade gehört: Maria glaubte fest daran, dass das, was ihr der Engel verheißen hatte, auch wahr ist. Sie vertraute immer darauf, dass sie der Segen Gottes begleitet. Darin kann sie uns ein Vorbild sein, denn auch uns ist dieses Geleit fest zugesagt.

Am Schluss möchte ich auf den Ausdruck „Gutmenschen“ zurück kommen. Sie mühen sich darum, gute Menschen zu sein und damit Gottes Auftrag zu erfüllen. Dann dürfen und sollen Sie sich nicht belächelt fühlen, wenn man Sie so nennt. Darauf, dass können Sie, darauf könnt ihr stolz sein!

Liebe Mitglieder des Nangina e.V., ich freue mich mit Ihnen über diese Auszeichnung und gratuliere Ihnen von Herzen!

Laudatio für Nangina e.V von Dr. Thilo Esser als PDF-Download

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